Verlust und loslassen

Es kann nicht immer alles glatt laufen und manchmal hat man einfach Pech. So ging es mir am Mittwoch bevor ich am Donnerstag auf Safari gehen sollte. Wie bereits erzählt, habe ich in Muizenberg in Strandnähe gewohnt. Von einer Hauptstraße führte ein Weg durch die Dünen an den Strand, das waren so ca. 800m.
Von den Leuten, die ich dort kennen gelernt hatte wurde mir geraten diesen Weg nur im Hellen zu nutzen – daran habe ich mich gehalten. An meinem letzten Tag wollte ich am Abend mit neuen Freunden essen gehen und vorher an den Strand. Wie üblich packte ich meinen Rucksack mit Kleinkram wie Haarbürste, Sonnencreme, Taschenmesser, Sonnenbbrille, Wechselkleidung, Büchern und meinem Kalender. Da ich die Freunde am Abend gern einladen wollte nahm ich auch meine Kreditkarte mit. Ich ließ sie zwischen den Seiten meines Kalenders verschwinden anstatt sie in mein Portemonnaies zu packen und hielt das für einen super sicheren Ort.
Am Strand angekommen, stelle ich fest dass es (mal wieder) super windig war und sich dazu noch einige dicke Wolken vor die Sonne schoben. Gegen 16Uhr entschied ich, dass ich es trotz Pulli (der einzige den ich dabei hatte) nicht bis 18Uhr am Strand aushalten würde, dass aber noch genug Zeit sein um kurz nach Hause zu laufen und sich umzuziehen. Der Strand war voll mit Kitesurfern und Spaziergängern und als ich bei Tageslicht gegen 16:30Uhr den ruhigeren Strandabschnitt erreichte um wie immer durch die Dünen nach Hause zu gehen, habe ich mir nichts Böses dabei gedacht.
Ich war in Gedanken vertieft, Vorfreude auf den Abend und auf die bevorstehende Safari. Als ich die beiden Männer hinter einem Hügel bemerkte stand ich schon direkt neben Ihnen. Sie lagen dort im Sand und im ersten Moment dachte ich, sie würden dort ein Nickerchen nach einem harten Arbeitstag halten. Gut erzogen entschuldigte ich mich sofort und sagte, dass ich sie nicht stören wolle… Wie sich heraus stellte hatte ihr Arbeitstag gerade erst begonnen: Sie sprangen auf und zogen ihre Messer, auf Bauchhöhe hielten sie sie fest in meine Richtung gerichtet und sagten: ‚Backpack, Shoes.‘ Einer von beiden hing mit seinem Blick an meinem Pulli, er fügte ‚Hoodie‘ der Liste hinzu. Ich weiß nicht genau, wie ich reagiert habe. Ich glaube ich habe sie einfach nur mit offenem Mund angestarrt. Die weit aufgerissenen Augen mit den riesigen Pupillen, den Sand im Gesicht des Einen (es sah wirklich aus als hätte er geschlafen und sich dabei voll gesabbert) und die Messer in ihren Händen. Alte, rostige Messer… im Nachhinein wäre ich mir nicht einmal sicher, ob sie tiefe Wunden verursacht hätten… aber es hätte sicher fiese Entzündungen gegeben. Als sie jedenfalls anfingen nervös mit den Messern zu fuchteln, überreichte ich meinen Rucksack, zog meinen Pulli und meine Schuhe aus und übergab auch diese. Einer der Beiden setzte den Rucksack auf, dann gingen sie einige Schritte von mir weg und stopften die Sachen in meinen Rucksack. Inzwischen hatte ich meine Sprache wieder gefunden und flehte sie an: ‚Please guys, not my phone, not my Phone. It is my only way to stay in contact with my Family. Take all the cash but not my phone‘ Sie schauten mich an während sie packten aber da war nichts zu machen. Dann fiel mir mein Schlüssel ein, ohne den konnte ich nicht in meine Unterkunft gelangen. Also neuer Versuch: ‚Guys! My keys, please. The Keys‘. Einer öffnete den Rucksack, zog meinen Schlüsselbund heraus und warf ihn mir zu. Ich sprang vor und fing ihn auf Knien. Nocheinmal: ‚Please Guys! My Phone, my Calender. Please!‘ Die Antwort: ‚Sorry we’re broke‘ … Dann verschwanden sie in die Dünen. Ich hockte im Sand, ohne Schuhe, ohne Pulli, mit meinem Handtuch.
Was nun. Ich rannte nach Hause, schnappte meinen Ausweis und etwas Bargeld und ging dann zu den Securitys der Wohnanlage. Ich war hektisch und aufgelöst, deshalb dauerte es etwas bis der man in meinem Englisch verstand dass ich ausgeraubt worden war und er mir BITTE ein Taxi zur nächsten Polizeistation rufen sollte. Als er verstanden hatte, sagte er mir dass ich gleich zu ihm hätte kommen sollen (Was hätte das geändert??) und dass ich mit reinkommen solle, er würde die Polizei rufen. Hat er dann auch, die Polizei versicherte sie sei gleich da und der Mann von der Wohnanlage nahm meine erste Aussage auf. Während wir warteten und immer wieder andere seiner Kollegen vorbei kamen, waren sich alle einig, dass ich diesen Weg niemals allein hätte gehen dürfen, denn es hatte schon mehrere Vorfälle gegeben… Ähm. Danke… das hatte sich vorher NICHT so angehört. Meine Frage ob ich meine Freunde im Surfshop anrufen könnte, weil ich es offensichtlich nicht schaffen würde um 18Uhr dort zu sein, wurde geflissentlich ignoriert… nochmal Danke. Als nach einer halben Stunde noch immer keine Polizei vor Ort war, rief der Security Mitarbeiter noch einmal an. Scheinbar hatten die Polizisten kein Auto. Mir wurde also wärmstens empfohlen einen der Nachbarn zu Fragen, ob er mich dort hinfährt… Frage nach einem Taxi (schließlich hatte ich Bargeld) wurde ignoriert. Vorschlag: Ruf dir ein Uber – Womit ?! Mein Handy wurde ebenfalls entwendet. Großartig also fragte ich einen Nachbarn, erzählte noch einmal was passiert war und bat um Hilfe. Es ist einfach nicht schön, wenn man in einem Fremden Land, auf einer fremden Sprache eine beschissene Situation erklären muss, von der man selber noch nicht weiß wie man damit umgehen soll ich einfach scheiße… Naja, die Nachbarn waren super lieb und Verständnisvoll aber auch sie sagten mir, ich hätte dort nicht alleine lang gehen dürfen, es wäre häufiger vorgekommen – Warum hat mir das niemand so gesagt?!
Bei der Polizeistation kam die Nachbarin sogar mit rein, half mir bei der erneuten Aussage und gab ihre Telefonnummer als Kontaktnummer an. Was mich daran wirklich geärgert hat; In der Station saßen drei Polizisten, haben Kaffee getrunken und einer hat Youtube Videos geschaut, auf dem Hof standen haufenweise Polizeiautos und als guter Rat für meine Situation kam: Ruf deine Eltern an, sie werden sich schon kümmern… Wie bitte was ?! Okay, danke für ungefähr garnichts. Ich fragte, ob es Sinn machen würde in den Dünen nach den Sachen zu suchen, vielleicht würden die Diebe Sachen die für sie keinen Wert haben einfach dort lassen. Der Polizist stimme mir zu und sagte ich solle aber nicht alleine gehen… Ehrlicher Weise hatte ich erwartet, er würde anbieten mit mir dort hinzufahren (er hatte ja eh nichts zu tun außer Kaffee zu trinken). Nochmal Danke. Also schrieb ich meine Sachen ab – ALLE – und verließ die Station. Die Nachbarn brachten mich zum Surfshop, wo Sophie und die anderen schon warteten. Da gerade mal wieder der Strom abgeschaltet war, mussten sie aber sowieso noch warten um die Alarmanlage einzuschalten. Bisher hatte ich keine Träne vergossen, hatte mich zusammen gerissen und erledigt was zu erledigen war aber als ich Sophie sah, konnte ich nicht mehr. Obwohl ich sie erst seit einer Woche kannte, war sie die Person die mir in diesem doch so fremden Kontinent am nächsten war. Auf der Straße vorm Shop, vor den Augen von zwei taffen Surflehrern brach ich also in Tränen aus und berichtete schluchzent was passiert war. Sophie verstand nicht gleich (ihr Englisch hat auch ein Paar Macken, leider an anderen Stellen als das von mir) aber Markus und Matthew starten erst mich an, dann sich gegenseitig, Sophie war noch verwirrt also nahm Matthew mich in den Arm während Markus noch einmal in Ruhe erklärte. Nach 2-3 Minuten Tränenwasserfall hatte ich mich wieder beruhigt. Die Jungs sagten mir das selbe wie alle anderen (da hätte ich allein nicht laufen sollen) und entschuldigten sich, mich nicht gewarnt zu haben. Natürlich konnten sie auch nichts dafür… Alle wollten wissen, was ich nun tun wollte. Ich hatte keine Ahnung. Mein Kopf war zu voll, ich konnte keine Entscheidung treffen. Die Gruppe entschied auf den Schock ein Bier zu trinken – Gute Idee. Eigentlich wollten wir ja essen gehen, da es aber immer noch keinen Strom gab servierte das Restaurant nur Salat… nein Danke, dieser Tag war schon enttäuschend genug. Nach einem Bier wollte ich dann aber doch Heim, ich musste jemanden finden der die Karte sperrt, einen Plan für die Safari machen und meine Sachen packen.
Nun bin ich unterwegs. Die Leute sind super hilfreich und verständnisvoll aber alles dauert und um eine neue Kreditkarte konnte ich mich noch immer nicht kümmern. Ich bin mir aber sicher, dass sich alles regeln lässt und diese Geschichte ist definitiv kein Grund die Reise abzubrechen (eventuell muss ich auf Grund des finanziellen Schadens eher Heim kommen..). Vielleicht aber ein weiterer Grund für einen Kurs in Selbstverteidigung. Vor der Reise war meine größte Sorge, meine Kreditkarte oder mein Handy zu verlieren… jetzt ist beides weg und ich bin weniger traurig um diese Sachen als um alltäglichen Kleinkram: MEINE Flasche, MEIN Taschenmesser, MEINEN Kalender und vor allem MEINEN Pulli und meine SONNENBRILLE (ich frage mich ob Fynn Kliemann’s ODERSO auch nach Afrika versendet). Erinnerungsstücke die ich mir Zuhause gekauft oder geschenkt bekommen habe, weil ich sie für gut und wichtig hielt und weil ich sie für mich haben wollte. Auch Erinnerungen von Freunden und Kollegen sind einfach weg… Ich weiß nicht wann ich diese Sachen so richtig los lassen und mich damit abfinden kann, dass sie weg sind aber noch nicht.
Wie dem auch sei, soweit geht es mir gut und das ist doch mal eine Geschichte 🙂

Jetzt ist Schluss, denn heute gibt es (hoffentlich) das erste Mal wilde Tiere zu sehen! Also bis denne.

19.02.2019

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